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Das Wasser steigt ...

 

Tyarul

 

Wenn sich Kinder in der Brache begegnen … dann ist das vielleicht ein kleiner Hinweis auf die nächste Novelle und was euch dort erwartet ;)

 

 

 

Der Pfeil flog in einer wunderbaren Kurve und schlug so gezielt ein, dass der Fasan nicht einmal mehr ein Geräusch machte. Seine vorher flatternden Flügel wurden schlaff und verstreuten Federn, während er vom Himmel fiel und in einem Busch hängen blieb.

 

Mit einem zufriedenen Schnalzen zog sich der Jägersjunge den Bogen über die Schulter, verstaute den zweiten Pfeil im Köcher an der Hüfte und stapfte los.

 

Verfluchter Wasseranstieg! Als kleines Kind war er schon einmal in dieser Gegend gewesen, da stand das Wasser nicht so hoch, hatte sich noch nicht in der Ebene ausgebreitet und sie vollgesogen. Seine Stiefel waren schon ganz durchgeweicht!

 

Was wollten sie überhaupt hier? Hier war nichts zu holen als ein paar Fasane und Rebhühner …

 

Er hatte Lust auf größere Beute.

 

Vielleicht konnte er bei dem Hof da hinter dem Tümpel etwas ergattern?

 

Er fischte den Fasan aus dem Gestrüpp, zog den Pfeil und wischte ihn am Gras sauber, bevor er Fasan und Pfeil verstaute.

 

Das schöne Tier war ein Weibchen, aber dennoch hübsch gemustert. Ein bisschen stolz war er, dass er es zwischen dem Grün und Braun überhaupt entdeckt hatte. Also um den überlaufenden Tümpel drum herum, von einer Grasinsel zur nächsten hüpfend. Hinter einem offenen, aber leeren Stall kam ein verlassenes Bauernhaus in Sicht. Keine Tiere mehr … keine Beute.

 

Gerade als er umdrehen wollte, bemerkte er eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Da kam ein magerer Junge hinter einem Verschlag hervor, kaum jünger als er selbst. Vermutlich.

 

Als der Junge ihn bemerkte, blieb er wie angewurzelt stehen.

 

„He!“

 

„Grüße“, erwiderte der junge Jäger, erhielt jedoch keine Antwort. Er sah sich rasch um, aber da tauchte niemand sonst auf.

 

„Was machst du hier allein?“

 

Der Bauernjunge lugte misstrauisch auf den Bogen, den der kleine Jäger über der Schulter hängen hatte. Als er den Fasan am Gürtel des Jägers entdeckte, leuchteten seine Augen gierig auf und alles Misstrauen ging in Hunger unter.

 

Da war so viel Hunger, dass der kleine Bauernmagen laut knurrte.

 

„Könnte ich dich nicht das gleiche fragen?“, erwiderte der Jägersjunge.

 

„Pf. Ich wohne hier. Naja … so gut es geht.“

 

Der etwas größere Junge nickte zu dem Bauernhof, der so verlassen wirkte, als hätte dort seit Irfens Niedergang keine Seele mehr gehaust. Das ganze Haus hing schief, halb in einer großen Lache, und das Reetdach war eingebrochen. Viele der Balken neigten sich unter dem Gewicht bereits nach außen und unten.

 

„Da drin wohnst du?!“

 

Der kleine Bauernjunge stemmte stolz die Hände in die Hüften, auch wenn das bei seiner schlackernden Tunika eher lächerlich wirkte. „Na und? Was machst du hier, auf meinem Grund, hä?“

 

Da deutete der Fremde auf den Fasan. „Sieht man doch wohl? Jagen.“

 

Wieder knurrte da ein kleiner Magen.

 

Der Jägersjunge nahm seinen Bogen und deutete damit in Richtung Nordwesten, weg von der Ruinenstadt Irfen und diesem unbewohnbaren Hof.

 

„Wir sollten los.“

 

„Wohin?“

 

„Na zu mir, du Dummerchen.“

 

Ein Leuchten kam in die Augen des Bauernkindes. „Hast du auch was zu essen?“

 

„Ja, da. Los komm jetzt.“

 

Der Junge folgte bereitwillig seinem Retter.

 

„Was würdest du für den Fasan wollen?“

 

„Den da? Hmmm … fünf Eier?“

 

Die Frage klang unsicherer als beabsichtigt, doch der Bauernjunge zuckte nur mit den Schultern.

 

„Wir haben keine Eier mehr, keine Hühner. Mit dem steigenden Sumpfwasser sind die Latten weggefault und dann kam ein Marder. Hat sie alle totgebissen und die Eier auch gefressen.“

 

„Schande“, murmelte der Jägersjunge abwesend.

 

„Du redest nicht so viel, oder? Ist dein Vater auch Jäger? Meiner sagte, da muss man viel still sein und lauschen, nicht gackern wie ein Huhn.“

 

Der größere zog eine Augenbraue hoch. „Sagte?“

 

Da schnaubte der Bauernjunge. „Siehst du ihn denn hier irgendwo? Die Ratken haben die Erwachsenen als Arbeiter eingezogen, weil ihnen das Land hier nicht gehörte, sondern ihren Lehnsherren … und die gehorchen Zayda.“

 

„Du wolltest nicht mit?“

 

„Von welchem Pferd wurdest du denn getreten? Die nehmen keine Kinder mit, Mann! Ich bin gerannt, bevor sie mich erschlagen konnten. Als sie weg waren, kam ich zurück nach Hause … aber da ist jetzt alles nass und verschimmelt und nichts wächst mehr.“

 

Sie schwiegen, bis ein lautes Magenknurren die Stille zerschnitt, gefolgt von ihren schmatzenden Schritten, als sie von der alten Straße abwichen und in einen kleinen Totholzwald marschierten. Dahinter lugte ein Dach hervor.

 

Der Treffpunkt.

 

Erst als sie sich dem Hof genähert hatten und schließlich vor dem zerfallenen Stall anhielten, schnaubte der Bauernjunge.

 

„Was soll das? Hier wohnt doch auch keiner mehr! Und du schon gar nicht! Wo kommst du her?“

 

„Nicht von hier. Wir machen nur Rast, dann geht es weiter.“

 

Dem Bauernjungen war jetzt unwohl, das sah man deutlich. Er scharrte mit dem Fuß im Matsch und starrte unsicher auf die Hütte, die schief da hing, weil der nassgesogene Boden sie langsam verschluckte. Alles hier war nicht gemacht für so viel Wasser.

 

„Ich mag nicht mehr. Das ist seltsam alles …“ Sein Blick huschte ein letztes Mal sehnsüchtig zum Fasan am Jagdgürtel, dann wandelte sich der Ausdruck in seinen Augen.

 

Im Hintergrund näherten sich Schritte.

 

Der Jägersjunge kannte sie, kannte ihren Rhythmus, der so gut wie lautlos war. Nur mussten sie heute nicht lautlos sein, denn hier war ja keine Menschenseele. Eigentlich. Hätten sie gewusst, dass er Begleitung hätte … vermutlich wären die Schritte verhallt und einem lautlosen, eisigen Echo gewichen.

 

Doch noch hörten die hungrigen, müden Ohren nichts.

 

Es war nun auch egal, auch wenn das Vertrauen fort war.

 

„Wer bist du?“, verlangte der Bauernjunge nun zu wissen. Sie standen da wie Erwachsene, wie Krieger in einem unbekannten, unverständlichen Kampf, der sie umringt und ganz umhüllt. Sie standen da wie Männer, die doch noch immer Kinder sind und nur handeln, wie man ihnen sagt.

 

Fühlen, was man eben fühlt.

 

Nur, was fühlt einer wie er?

 

Nichts.

 

Da stampfte der Bauernjunge mit dem Bein auf und hob seine Fäuste, obwohl die Angst doch seine Augen beherrschte.

 

„Wer du bist, frag ich!“

 

Da lächelte der Fremde und hob seinen kleinen Bogen, mit einem Pfeil darauf. Wie zum Gruß gegen die Fäuste.

 

„Ich bin ein Netzjäger.“

 


 

Real Life

 

Warum steigende Wasserspiegel die Menschheit bedrohen ...

 

 

 

Nicht nur rund um Irfen sind Menschen gezwungen, wegen unaufhaltbar herankriechendem Wasser ihre Heimat zu verlassen: In vielen Gebieten unserer Erde drohen steigende Meeresspiegel und zunehmendes Extremwetter Menschen heimatlos zu machen. Dabei ist die Gefahr sogar noch größer als der Anstieg des durchschnittlichen Wasserspiegels auf den ersten Blick verrät: Das zunehmende Wasser verstärkt die Küstenerosion und lässt in manchen Landschaftsformen weite Landstriche absacken. Die parallel zunehmenden Unwetter lassen Sturmfluten häufiger geschehen und heftiger ausfallen - und die Topographie flacher Küstenregionen wie etwa Norddeutschlands kann die Fluten dann noch viel weiter ins Landesinnere lassen. Je nachdem, wie effektiv und schnell wir Maßnahmen gegen den Klimawandel unternehmen, werden bis Ende dieses Jahrhunderts bis zu mehrere Hundert Millionen Menschen direkt von Landverlust betroffen sein! Die größten Teile dieser Betroffenen leben dazu auch noch in Ländern, in denen Küstenschutz aus wirtschaftlichen Gründen nur schwer auf dem im reichen Westeuropa gewohnten Niveau möglich ist. Und manche von Menschen besiedelte Gebiete werden ohnehin komplett unbewohnbar: Die Malediven etwa drohen vollständig in den Fluten unterzugehen.

 

Ursache Nummer eins für den Anstieg der Meere ist der anthropogene Klimawandel – und immer wieder entpuppen sich Faktoren als unterschätzt. So wurde der Eisschild der Antarktis lange Zeit als sehr stabil angesehen – doch der Eisverlust des Südkontinents hat sich innerhalb sehr weniger Jahre mehr als verfünffacht! Die Byrd Station im Herzen des Westantarktischen Eisschildes ist inzwischen einer der sich am schnellsten erwärmenden Orte auf dem gesamten Globus. In den letzten 100 Jahren ist der Meeresspiegel im weltweiten Mittel um rund 19 cm angestiegen. Das geht vorrangig auf die Schmelze von Gletschern und Schneefeldern in gemäßigten und wärmeren Breiten zurück, denn diese hatten und haben den geringsten “Puffer”. Doch jetzt sind auch die mächtigen Eisschilde am Schmelzen, von der Antarktis bis nach Grönland. Allein die Antarktis kann bis zum Ende dieses Jahrhunderts, also in einem Zeithorizont, den manch einer von uns noch erleben kann, schlimmstenfalls mehr als anderthalb Meter zum Anstieg beitragen.

 

Ein weiterer Faktor, dessen Bedeutung stetig zunimmt, ist die Ausdehnung des Wassers durch seine Erwärmung. Die Volumenzunahme von Wasser über zwei Grad Celsius mag äußerst gering erscheinen - doch bezogen auf die unvorstellbare Wassermenge der Weltmeere ist das wiederum eine massive Zunahme! Das Tragische hierbei ist, dass die Ozeane sich nur sehr langsam erwärmen, weil die Erwärmung nur langsam durch das Wasser nach unten wandert (außer im Atlantik, der u.a. dank des Golfstroms eine viel stärkere Durchmischung der Wasserschichten hat). Selbst wenn wir unsere Treibhausgasausstöße sofort auf netto null reduzieren würden, würde die thermische Ausdehnung der Ozeane noch über mehrere Jahrhunderte zunehmen.

 

 Stark verbunden ist damit auch ein weiterer Faktor: Eis, auch das Meereis am Nordpol, ist salzfrei. Schmilzt es, sinkt der Salzgehalt des Meerwassers – und je süßer das Wasser, desto größer sein Volumen! Global betrachtet beträgt dieser Effekt nach heutigem Kenntnisstand “nur” rund ein Zehntel der Wärmeausdehnung, doch insbesondere in denjenigen Gebieten, wo viel Süßwasser zufließt, etwa in der Barentssee, kann dieser Anstieg deutlich stärker ausfallen.

 

Doch auch abseits unseres Einflusses auf das Klima tragen wir, wenn auch in deutlich geringerem Ausmaß, zu steigenden Wasserspiegeln bei. Wir begradigen und befestigen Flüsse, schaffen Auen ab, verdichten Böden und legen Moore trocken. Dadurch versickert weniger Wasser in die Erde, wo es den ständig sinkenden Grundwasserspiegel stabil halten würde. Stattdessen landet noch mehr Süßwasser in den Meeren - mit den bekannten Folgen. Wasser, das normalerweise an Land gebunden würde, landet nun auch im Meer. Gleichzeitig sorgt die Trockenlegung von küstennahen Mooren etwa in Indonesien für weiträumig absackende Landstriche und damit verstärkte Auswirkung des steigenden Meeres.

 

 

Weitere Lektüre findet sich unter anderem hier:

 

https://www.bundestag.de/resource/blob/572254/b6c277110173d17aa1ef3e9e2de89061/wd-8-085-18-pdf-data.pdf

 

https://wiki.bildungsserver.de/klimawandel/index.php/Folgen_des_Meeresspiegelanstiegs

 

https://www.tagesschau.de/ausland/antarktis-studie-103.html

 

https://www.de-ipcc.de/129.php

 

 

 

Im Bild: Auen. Farina, 2019

 

Welcher Bilur passt? Natürlich Wasser!

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