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Spürst du die Magie?

 

Tyarul

 

 

 

Dieser verdammte, trockene Husten hielt sich hartnäckiger, als Tanem erwartet hatte. Nach dem dritten Morgen, den er röchelnd im Bett aufgewacht war, reichte es ihm und er machte sich auf den Weg durch die Hallen und Gänge von Tna’Ni. Hinter dem zweiten Innenhof tat sich der Torbogen auf, der den Durchgang zum Garten erlaubte.

 

Garions geliebter Garten, den er von zwei Lehrlingen hegen und pflegen ließ.

 

Als Tanem ihn an diesem Morgen betrat, war es ruhig. Die Luft war noch kühl und frisch, doch es würde wie fast immer ein warmer Frühsommertag werden. Tanem sah sich um, konnte aber niemanden entdecken. Vermutlich waren die Lehrlinge noch bei der Morgenmeditation?

 

Etwas ratlos schlenderte der junge Miakoda als zwischen den gemauerten Hochbeeten hin und her und entdeckte dabei mehr und mehr faszinierende Pflänzchen. Wie viel da blüte und auch surrte und summte! Nicht nur die Schwalben waren schon wach, auch viele Insekten, vor allem Bienen und Erdhummeln tollten sich an den verschiedenen Blütenständen.

 

Allein die herrlich duftende Luft tief einzuatmen schien einen Hustenreiz schon zu lindern. Er schloss kurz die Augen, ließ sich die Morgensonne aufs Gesicht strahlen, als diese zwischen zwei Bergsilhouetten hervortrat. Nach einem Moment aktivierte er seine Magie und leitete sie in seine Lunge. Er hätte zwar lieber ein paar Kräutertees getrunken, doch so ging es natürlich auch.

 

Mit einem wohlig warmen Gefühl breiteten sich die Funken in seiner Brust aus und linderten die Entzündung, die ihn geplagt hatte. Mit einem tiefen, letzten Atemzug befreite er sich endgültig von dem Husten und fragte sich, warum er das nicht schon vor drei Tagen so gemacht hatte.

 

Bei einem Blick auf die Heilkräuter zweifelte er jedoch an seiner Entscheidung.

 

Meister Garion sagte zwar, man müsse Herr über seine Magie sein, doch sie niemals für allzu selbstverständlich nehmen. Zu schnell könnte eine Abhängigkeit entstehen, die Körper und Geist aus der Balance brachte.

 

Er durchquerte den Garten am Hauptweg, vorbei an den Reihen der Beete, vorbei an Mauerfarnen, Kräutern und Gewürzen, vorbei am mächtigen Salbeibusch und hin zu dem schattigeren Bereich bei den Apfelbäumen, wo ein Wasserbecken und die Pumpe für den Brunnen auf ihn warteten. Dort waren weitere schmale Beete, nah am kühlen Wasser.

 

Ein kleines, blaues Blümchen zog ihn wie magisch an. Er kniete sich hin, um seine leuchtend blauen Glöckchen zu betrachten und wusste in diesem Moment, dass er gerne mehr Zeit hier verbringen wollte.

 

Verträumt verharrte er im Schatten und beobachtete, wie die sanfte Morgenbrise die Stängel wippen ließ.

 

„Mondglöckchen.“

 

Tanem zuckte zusammen, als jemand hinter ihm sprach. Er war so vertieft gewesen, dass er den nahenden Meister nicht bemerkte.

 

„Folge mir.“

 

Tanem stand auf und tat, wie geheißen. Als sie die Gärten verlassen hatten und sich dem Meditationsraum näherten, folgte der junge Miakoda endlich seiner Intuition und wagte es, zu sprechen.

 

„Meister Garion … ich wollte Euch fragen …“

 

Der Meister lächelte. „Nun sprich. Was liegt dir auf dem Herzen?“

 

Tanem atmete einmal durch. „Ich weiß, dass es eigentlich nicht zu meinen Aufgaben gehört, sondern … aber … Meister, ich würde gerne mehr Zeit in den Gärten verbringen.“

 

Der alte Felide musterte ihn streng. „Wird das deine Leistungen in der Fortbildung beeinflussen?“

 

Tanem stockte. Diese Frage hatte er nicht erwartet, doch er schüttelte automatisch den Kopf. „Nein, Meister. Ich werde das schaffen. Ich danke Euch!“

 

Garion schmunzelte. „Sehr gut. Etwas Eigeninitiative gefällt mir. Ich werde meine Lehrlinge anweisen, dir den Garten noch heute in allen Details vorzustellen. Vorerst wirst du vermutlich viel gießen und zurückschneiden. Wenn du dich mit allem vertraut gemacht hast, werden wir weitersehen, wie viel Zeit wir in deine Kräuterausbildung investieren. Einverstanden?“

 

Tanem nickte hastig, bedankte sich dann mit einer tiefen Verneigung vor seinem Meister und eilte direkt zurück in den Garten. Zu seiner Überraschung lehnte dort Zayda an der warmen Mauer im Schatten und ließ einige Kiesel vom Weg über ihrer Hand rotieren.

 

Das erste Mal kam ihm in den Sinn, dass sie genau diese eigenmächtige Entscheidung von ihm vielleicht nicht gutheißen würde. Er musste ja auch noch die Übungen mit ihr und Vanu unterbringen, wenn er sich weiter im Kampfstil der Ratken verbessern wollte …

 

Er lief an ihr vorbei, spürte aber genau, wie sie die Steinchen achtlos fallen ließ und ihm folgte.

 

Wie von selbst führten ihn seine Schritte zu dem Schattenbeet beim Brunnen, wo die Mondglöckchen blau leuchtend blüten.

 

„Zayda … ich habe von Garion eine neue Aufgabe erhalten“, begann er und schämte sich sofort für seine Feigheit. „Ich soll in Zukunft mit im Garten arbeiten.“

 

Die junge Ratke sagte nichts, trat nur neben ihn. Obwohl er ein Mann war, überragte sie ihn um fast einen Kopf. Schweigend stellte sie sich hin, musterte die blauen Blumen, die er so eingehend studiert hatte, und griff dann danach.

 

Er zog sie an der Schulter weg, bevor ihre großen Finger den Stiel erreichten.

 

„He, reiß sie nicht ab!“

 

Zayda brummte ungehalten und wandte sich ab.

 

„Der neue Kräutermeister Tanem? Pah!“ Zayda lachte schnaubend und ließ sich auf die Steinbank zwischen den Beeten fallen, um sich lässig hinzulungern. Mit den Fingern zupfte sie ein paar Blättchen von einer ätherisch duftenden Pflanze und zerrieb sie zwischen den Fingerkuppen.

 

„Das ist lächerlich“, machte sie herablassend weiter. „Was willst du hier? Was sollen diese Blümchen dir bringen? Du kannst mit deiner MAGIE heilen, du dummer Miakoda!“

 

„Du verstehst das nicht, Zayda“, murmelte er und betrachtete wieder das kleine blaue Mondglöckchen. „Etwas in mir … etwas sagt mir, dass diese Blume bedeutsam für mich ist.“

 

Zayda lachte weiter. „Wenn du sie so magst, dann heirate sie doch.“

 

 

Real Life

 

 

 

Was hält die Natur an Heilpflanzen für uns in petto?

 

 

 

Magie oder natürliche Hilfsmittel - diese Entscheidung ist uns hier leider nicht vergönnt. Uns bleibt nur, uns auf die Kraft der Natur und der Wissenschaft zu verlassen. Aber was heißt hier eigentlich “nur”? Die Natur direkt vor unserer Nase kann mit so manchem Heilmittel aufwarten, das fast schon in Vergessenheit geraten ist. Und genau um die soll es jetzt gehen!

 

Bei einem kleinen Spaziergang durch die Natur entdeckt das geübte Auge so manche Heilpflanze. Dafür muss der Blick nicht einmal weit schweifen, denn gleich drei bekannte Beispiele fühlen sich am Wegesrand am wohlsten. Der Wegerich hat dieser Tatsache sogar seinen Namen zu verdanken. Eigentlich sollte ihn jeder Wanderer kennen, denn seine zerdrückten Blätter helfen in Windeseile gegen Insektenstiche wie Ameisenbisse. Und dann gibt es da noch die Brennessel, die die meisten ja schon von der ein oder anderen unangenehmen Begegnung kennen. Aus denselben stechenden Blättern lässt sich aber auch ein köstlicher Tee gegen Blasen- und Nierenbeschwerden herstellen! Mindestens ebenso bekannt ist der Löwenzahn, den wir wohl alle schon einmal als Pusteblume in der Hand hatten. Seine Blüten sind ein gutes Heilmittel gegen Verdauungsprobleme wie Völlegefühl und Blähungen.

 

Während ihr diesen Artikel lest, steht die Natur draußen in voller Blüte und erfüllt die Luft mit herrlichen Düften. Auch in diesen Blüten wohnen ungeahnte Kräfte! Die Blüten von Holunder und Linde kann man trocknen und als Tee bei Fieber verwenden. Falls ihr auf einen Brombeerbusch stößt, solltet ihr auch ein paar junge Brombeerblätter mitnehmen und trocknen. Ein Sud daraus wirkt entzündungshemmend bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum. Im Garten stoßt ihr vielleicht auf Zitronenmelisse, die ihr ganz einfach an ihrem zitronig-frischen Duft erkennt. Sie schmeckt nicht nur köstlich in Desserts (ja, wirklich!) sondern beruhigt auch die Seele bei Stress.

 

Zu guter Letzt noch ein kleiner Tipp für die Schönheit: Auch hier hat die Natur einen Trick parat! Haltet einfach Ausschau nach Birken: Ein Aufguss aus ihren Blättern verleiht euren Haaren einen wunderschönen Glanz und soll sogar gegen Schuppen helfen. Gießt ihn einfach ganz am Ende eurer Schönheitsroutine über die Haare. Nur bei ganz hellen Haaren solltet ihr eher einen Bogen um Birkensud machen, weil er leicht färben kann.

 

 

 

Im Bild: Blaue Blumen. Farina, 2019 und Weiße Blumen. Farina, 2019

 

Der heutige Bilur? Muss unbedingt Heilung sein!

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