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Wie willst du reisen?

Tyarul

~~~ Irgendwo in den Wäldern Tyaruls … reiten alte Bekannte von uns durch den Tag … ~~~

 

Zenay öffnete die Augen und blinzelte. Grün und braun flirrten kurz in ihrer Sicht, wurden dann von fuchsrot und weiß abgelöst. Die Welt schwankte leicht, wie von einem Pferderücken geschaukelt.

Sie gähnte, blinzelte erneut und streckte sich.

Erst dann wurde ihr bewusst, dass sie wirklich auf einem Pferd saß. Auf ihrer Malee!

Warum überraschte sie das so? Rasch fuhr sie mit den Fingern über das helle Fell, steckte sie dann in die dunklere Mähne, als müsste sie nach etwas Realem greifen. Das Fell war warm, es roch nach Arbeit, nach frischem Schweiß und Sommer.

Aber Sommer …

Neben ihr lachte jemand ein hohes, freudiges Lachen und sie wandte den Kopf. Da ritt Elaya und grinste.

„Du bist die erste Fremde, die ich kenne, die auf einem Pferd schlafen kann.“

„Sie ist die einzige Fremde, die du kennst, Elaya!“, rief ihr Bruder von weiter hinten und es mischte sich das Lachen von Jesco und Asyra hinzu.

Wieso tat es so gut, all ihre Stimmen zu hören?

Elaya schnaubte, ignorierte seinen Einwurf aber.

„Du fühlst dich auf dem Pferderücken ganz schön sicher, was?“

Zenay runzelte kurz die Stirn, ehe sie mit den Schultern zuckte. „Ich schätze, ja?“

„Na siehst du. Es geht NICHTS über das Reiten!“

„Noch lieber würde ich mich jetzt teleportieren“, murmelte Zenay und wunderte sich über den ausgesprochenen Gedanken.

Elaya zog eine Augenbraue hoch. „Wirklich? Aber es ist doch so herrlich hier! Warum die Energie verschwenden, nur um schneller zu sein?“

„Vielleicht kann es mir nicht schnell genug gehen!“, erwiderte Zenays Zunge fast von selbst.

Elaya schaute verletzt. „Als ob Teleportationen die Welt wären! Sie sind gefährlich und kosten so viel Kraft und was, wenn du was falsch machst? Was, wenn du dich in den Himmel oder irgendwo in einen Felsen hineinteleportierst? Oder einfach ohnmächtig umfällst? Das hatten wir doch schon, oder nicht?“

„Ich sage ja nicht, dass eine Reise zu Pferd nicht gut ist, ich sage bloß –“

„Das es dir zu langsam geht“, unterbrach Elaya und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Das allein ist es nicht! Was ist mit den Ratken? Mit Netzjägern, mit Strauchdieben oder einfach nur wütenden Dörflern? Sie alle können uns erwischen, wenn wir so reisen. Wenn wir allerdings teleportieren, dann ist das wie fliegen! Niemand kann uns etwas anhaben.“

„Fliegen?! Du spinnst ja! Pferde, ganz klar!“

„Aber ich –“, setzte Zenay wieder an, wusste jedoch nicht weiter.

„Ach kommt, ihr liebt doch beide eure Pferde!“, rief Malak lachend dazwischen.

Warum flackerte Zenays Sicht, wenn er so lachte?

Warum waberte der Boden, als würde sich das Gras zu grüngelbem Nebel auflösen wollen?

Zenay blinzelte die Trugbilder rasch weg und hob den Kopf, um zu lächeln.

„Natürlich lieben wir sie, was denn sonst?“, rief Elaya da aber schon. „Ich glaube, ich kenne niemanden, der seine Stute so innig kennt wie Zenay ihre Malee. Ich meine, sie hat sie geheilt und alles! Sie kann sie nur mit Gedanken steuern!“

„Das könntest du doch auch, wenn du wolltest“, warf Malak da ein und Elaya schüttelte schnell den Kopf. Als sie sich hilfesuchend an Zenay wandte, war deren Blick trübe von Gedanken.

„Ob ich uns wohl alle mitsamt den Pferden teleportieren könnte?“

„Pah!“, rief Malak da prustend ein. „Da würden sie bestimmt allesamt durchgehen. Mach das bloß nicht.“

Zenay schüttelte grinsend den Kopf, während sie an Malee dachte. Er hatte ja recht, ihrer Stute würde das bestimmt nicht gefallen. Aber praktisch wäre es, oder nicht? Sie müsste nur genug Magie dafür sammeln und einsetzen, dann könnten sie direkt von hier nach … ja, wohin eigentlich?

Das erste Mal sah sie sich richtig um und stellte fest, dass sie durch einen lichten Wald ritten.

Nichts daran kam ihr bekannt vor.

Wo waren sie und … warum?

Sie starrte auf ihre Hände, die ihr sonderbar sauber und glatt erschienen. Dahinter Malees Mähne und der Boden, von wippendem Frühsommergras bedeckt, das in typischen dichten Büscheln stand.

Alles in ihr schrie jäh danach, sich zu teleportieren. Nur weg! Weg aus dem Schrecken …

Ein Gedanke kroch durch ihren Geist.

Alles hat seinen Preis. Auch diese Reise …

Zenay zuckte zusammen, als jemand sie an der Schulter berührte. Warum fühlte sich die Berührung an wie ein Traum?

Sie drehte den Kopf und da war Tarek, auf seinem Hengst, direkt neben ihr. Er sah sie an und alles andere in ihrem Sichtfeld verschwamm. Diese dunklen, tiefen Augen, in denen sich der ganze Nachthimmel spiegeln konnte.

Aber jetzt war es Tag und er musterte sie so intensiv, dass ihr schwindlig wurde. Als er den Mund öffnete, klang seine Stimme ruhig und tief.

„Wohin willst du, Zenay?“

Die junge Magierin stutzte. Was für eine seltsame Frage …

„Wohin willst du?“

War da ein gelbes Glänzen in Tareks dunklen Augen?

Warum fragst du sowas?, wollte sie erwidern, doch die Worte steckten ihr im Hals fest, als eine Welle aus Sehnsucht über sie rollte.

Sie wollte ihn umarmen, ihn küssen! Ihn einfach nur berühren, durch sein Haar streichen.

„Wohin?“, flüsterte er und seine Stimme klang nun wie ein fernes Echo.

Da wusste sie die Antwort und ihr Hals war frei.

„Nach Hause.“

Da war ein Lächeln auf seinen Lippen und er nickte, doch als er die Lippen gerade öffnete, drehte sich die Welt auf den Kopf und Dunkelheit brach über ihrer Sicht zusammen.

Sie schrie! Wollte es nicht, wollte sich zurück zu ihm teleportieren, ganz egal, wie viel Kraft es sie kosten würde – doch es ging nicht.

Denn sie war gar nicht hier.

 

Zenay schreckte aus dunklem Schlaf auf und wollte sofort auf ihre Beine springen, doch die knickten weg. Überrascht japsend fing sie sich ab und ihr Arm sank bis zum Ellbogen in den Torf.

Genau so tief versank auch ihr Kopf in den Traumerinnerungen. Sie hatte Tarek gesehen! Hatte mit Elaya und Malak und den anderen gelacht.

Tarek …

Aber es war alles nur ein Traum. Sie saß mitten im Sumpf, schon so lang, so einsam … und wusste nicht, wohin.

Zenay verbarg den Kopf zwischen den Knien und schluchzte, um das Zischen der Schlange nicht mehr hören zu müssen.

„Ich will nach Hause“, flüsterte sie und schwieg dann, um dem Wind zu lauschen.

 

Bald, Zenay. Bald.


Real Life

Welche Möglichkeiten haben wir in unserer Welt zu reisen und warum ist die Wahl des Verkehrsmittels so wichtig für Mensch, Umwelt und Klima?

- ein Beitrag von Julian

 

„Vielleicht kann es mir nicht schnell genug gehen“ ist ein Satz, den wir bezüglich der Verkehrsmittelwahl in der echten Welt oft genug hören. Doch wie wir reisen hat ein äußerst breites Spektrum an Wirkungen: auf die Umwelt, auf das Klima, auf andere Menschen - und auf uns selbst.

Dass ein Zug Klima und Umwelt weniger belastet als ein Auto und ein Auto weniger als ein Flug, ist hier wohl mehr als hinlänglich bekannt. Der Fokus dieses Beitrags soll daher auf anderen Aspekten liegen, die in der Debatte gerne unter den Tisch fallen. Nur eine Sache möchte ich zum Thema der Emissionen loswerden, weil es da oft zu Missverständnissen kommt:

Gelegentlich ploppen Zahlen auf, die der Fliegerei einen vergleichsweise niedrigen Energieverbrauch und CO₂-Ausstoß attestieren. Dabei werden aber mehrere Aspekte unterschlagen; die Zahlen basieren meist auf einem vollbesetzten Flugzeug auf Langstrecke (die meiste Energie wird beim Start „verbraucht“ - deswegen sind Kurzstreckenflüge so ein großes Problem), das mit durchschnittlichen Besetzungszahlen bei den anderen Verkehrsträgern verglichen wird - und sie unterschlagen die Problematik, dass CO₂, welches auf Flughöhe ausgestoßen wird, viel kritischer für das Klima ist. Hintergrund ist, dass die klimaschädliche Wirkung von Kohlenstoffdioxid (und anderen Treibhausgasen) überwiegend weit oben in der Atmosphäre stattfindet, nicht unten am Boden. Von den Emissionen am Boden erreicht nur ein Teil diese hohen Lagen, die Emissionen in vielen Kilometern Höhe hingegen wirken sich fast vollumfänglich aus. Wenn die Rede davon ist, wie viel Kohlenstoff wir noch in die Atmosphäre blasen dürfen, ohne die Klimaziele zu reißen, dann bezieht sich das auf Emissionen am Boden.

Der sogenannte RFI-Faktor ist ein Korrekturfaktor, der diesen Effekt und ein paar weitere Besonderheiten des Luftverkehrs (Einfluss auf Wolkenbildung etc.) abbildet. Die genaue Zahl ist mit einer recht hohen Unsicherheit belegt - laut Weltklimarat (IPCC) liegt er bei 1,9 bis 4,7. Meist wird mit einem Wert von 3 gerechnet. Konkret bedeutet das: Werden bei einer Flugreise 500kg Kohlenstoffdioxid ausgestoßen, wirkt sich das so aus wie anderthalb Tonnen Ausstoß am Boden!


Eine wichtige Frage, die gerne unter den Tisch fällt, ist die Frage nach dem „ob“: Müssen wir eine bestimmte Reise machen? Corona und die notwendigen Maßnahmen gegen die weitere Verbreitung haben erzwungen, dass in den letzten Monaten sehr viele Reisen entfallen sind - und das auch noch eine ganze Zeit lang so bleiben wird. Viele Unternehmen, gerade hier in unserem digital der Zeit hinterherhumpelnden Land, sahen sich gezwungen, eiligst Infrastruktur und Regelungen für digitale Meetings, für Videokonferenzen, für Home Office aus dem Boden zu stampfen. Manch einer stellt erstaunt fest: Es ist nicht nur ökologischer, es ist auch viel entspannter - und billiger. Viele Dinge können besprochen werden, ohne dass Mitarbeiter von Berlin, München, Zürich nach Hamburg eingeflogen werden müssen. Keine zeitfressende Anreise, keine teuren Tickets.

Sicher - den sozialen Umgang im Büro vermisst manch einer. Viele Dinge lassen sich entspannter klären und lösen, wenn man formlos an der Kaffeemaschine miteinander redet oder sich im Treppenhaus über den Weg läuft. Aber muss man dafür wirklich fünf Tage die Woche täglich zwei, drei Stunden Pendelei ertragen? Wären zwei-drei Bürotage und der Rest Home Office nicht viel entspannter?

Aber auch in der Freizeit kann man die ein oder andere Reise hinterfragen. Ist es wirklich nötig und nicht nur die ökologischen Folgen, sondern auch den Packstress, die Stunden im engen Flugzeugsitz und auch die Kosten wert, für ein verlängertes Wochenende nach Barcelona zu „jetten“? Wo es doch auch hierzulande mehr als genug lohnende Ziele gibt für einen Wochenendtrip, wie wir ja auch mit dieser virtuellen Reise zeigen wollen?


Im Urlaub fällt Zenays Satz von vorhin besonders oft - auf den ersten Blick mag es einem vielleicht einfach nicht schnell genug gehen. 14 Uhr aus dem Büro raus und 18 Uhr schonmal die Skier anschnallen - das ist oft ein Idealbild. Doch verpassen wir nicht etwas? Ein Stück weit spiegelt es sich darin wieder, dass wir oft fragen “fährst Du weg?” und nicht “verreist Du?” - die Anfahrt an den Urlaubsort gilt als eine Lästigkeit, als Stress, als etwas, das man möglichst schnell hinter sich bringen will. Und klar - Stunden mit einem schreienden Baby, brabbelnden Kleinkind und bockigen Pubertier in den Nachbarsitzen sind wohl für die meisten von uns eine Horrorvorstellung. Aber das ist oft auch ein Teufelskreis. Weil es stressig ist, wollen wir es schnell hinter uns bringen - und weil wir es schnell hinter uns bringen wollen, wird es stressig.

Geht man es hingegen entspannter an, wird aus der Personenbeförderung wieder eine Reise. Eine Reise, die schon in sich ein Erlebnis ist. Eine Reise, die uns auf den Zielort einstimmt und uns alles intensiver wahrnehmen lässt.


Treue Leser wissen sicher, dass wir als Fanowateam schon zwei Mal gemeinsam in Norwegen waren. Man könnte die Strecke fliegen, keine Frage - morgens daheim los, zum Flughafen, Flug nach Oslo und weiter an einen passenden Inlandsflughafen, nachmittags/abends schon das erste Mal das Zelt im Wald aufschlagen. Aber was haben wir bis dahin erlebt? Endlose Flughafenflure, Warteschlangen zum Checkin, zum Boarding/zum Vorfeldbus, beim Einsteigen … Dazu peinliche Kontrollen von Gepäck und Person und einige Stressoren mehr. Keine Frage - Fliegen selbst ist ein unheimlich tolles Gefühl, zumindest wenn man keine Flugangst hat. Aber in der Luft ist man vielleicht zwei Stunden von der ganzen Zeit. Und angekommen braucht man erstmal Zeit zu realisieren, dass man wirklich völlig woanders ist, in einer völlig anderen Welt.

Wir hingegen fahren immer mit dem Zug durch Deutschland und Dänemark und setzen mit der Fähre über. Beobachten, wie die Landschaft allmählich immer nördlicher wird, genießen die spektakuläre Überfahrt über die Rendsburger Hochbrücke. Im Zug hört man immer weniger Deutsch und immer mehr Dänisch - Skandinavien rückt unüberhörbar näher. Dann die ersten Ortsnamen mit ø und å und æ. Die Bebauung wandelt sich zu süßen, kleinen Klinkerhäuschen mit gepflegten Gärten, alles wird irgendwie gemütlicher, kleiner, putziger. Irgendwann erhascht man einen ersten Blick auf das Meer.

Dann der Hafen, die Fähre - auch heute noch ein Abenteuer. Als Landratte ist eine Seefahrt immer etwas ganz besonderes und exotisches. Und irgendwann sieht man erstmals wieder Land - das Meer wandelt sich ganz allmählich zu einem immer engeren und belebteren Fjord. Von beiden Seiten kommen die Küsten immer näher - und am Ende kommt das unverkennbare Ufer Oslos in den Blick. Festung Akershus, das Rathaus, die vielen kleinen, oft bewohnten Inseln im Fjord. Und wenn man dann noch in den Zug oder Bus steigt, immer weiter nach Norden, werden die Berge höher, die Landschaft schroffer, die Natur wilder.


Wir sind da. Bewusst, vollständig, akklimatisiert. Reich an Erfahrungen. Wir haben Länder, Leute, Landschaften erlebt. Wir haben gesehen, wie nach und nach alles Bekannte hinter uns blieb - und doch auch, dass alles zusammenhängt. Dass es keine scharfen Grenzen gibt. Dass alles - Menschen, Umwelt, Landschaften - dass das alles ein großes Ganzes bildet.


Lasst uns das Reisen wieder für uns entdecken! Erobern wir die Welt - indem wir sie bewusst bereisen und nicht mit Scheuklappen überfliegen. Nicht nur für die Umwelt und das Klima - nein: Auch für uns.


Im Bild: Boot in einem Greifswalder Park. Farina, 2019

Welcher Bilur passt heute? Ganz klar Teleportation!

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Kommentare: 1
  • #1

    Elena (Samstag, 30 Mai 2020 20:39)

    Huhu,
    ja, diemeisten brauchen die Zeit, um sich zu akklimatisieren und anzukommen und da ist eine Bahnfahrt wirklich die beste Möglichkeit. Da ich in "Null Komma Nix" umschalten kann, ist dies keine Option für mich. Ich will jede Sekunde im anderen Land ausnutzen und genießen, da behindert mich eine lange Anreise.
    Liebe Grüße
    Elena